Chemnitz, “statt der Moderne”, Sven Buchmann

Seit der Wende zum 20 Jahrhundert galt Chemnitz als die Arbeiterstadt des Ostens. Man nannte sich stolz „das Manchester Sachsens“ und Arbeit und rauchende Schornsteine waren das Identifikationsmerkmal nach außen und für die Chemnitzer selbst. 20 Jahre nach der Wende sind viele Schornsteine abgerissen worden, manche Fabrik wurde geschlossen und die Menschen sind mit Arbeit allen nicht mehr zufrieden. Mit den Schornsteinen verschwand auch das Selbstbewusstsein der Stadt – Chemnitz steckt plötzlich in einer  Identitätskrise.
Natürlich hat nicht die Stadt selbst eine Krise, sondern die Bürger die in ihr wohnen. Diese Krise hat ihren stärksten Ausdruck mit Sicherheit in der hohen Zahl an Abwanderungen von vornehmlich jungen Menschen. Sie kehren der Stadt den Rücken, um sich in prominenteren Städten wie Leipzig oder Dresden anzusiedeln.
Es gibt hauptsächlich zwei Parteien, die sich auf die Suche nach einer Identität für die Stadt machen. Besser gesagt, die versuchen eine neue Identität für die Stadt zu schaffen.
Auf der einen Seite die Stadtverwaltung, die mit immer neuen Imagekampagnen, die Bevölkerung davon zu überzeugen versucht, wer sie zu sein haben. Auf der anderen Seite stehen diverse Initiativen der verbliebenen jugendlichen Bevölkerung. Durch kreative Projekte versuchen sie verlassene Stadtviertel zu attraktiven Wohngebieten für künstlerisch interessierte Menschen umzugestalten und so die Stadt als ganzen wieder attraktiv zu machen.
Leider gibt es Schwierigkeiten mit der Kooperation beider Parteien. Die Vorstellungen, von einer Identität für die Stadt, sind zu unterschiedlich, um einen Konsens zu finden. So kommt es, dass die Ideen der Kreativen kaum von der Verwaltung gefördert werden und die Imagekampagnen der Stadt sofort von den Kreativen persifliert werden.
Und genau hier setzt die Popkulturelle Verhandlung von Identität ein. Denn sowohl die Vorschläge der Stadtverwaltung, als auch die Karikatur derselben, veranschaulichen mögliche Formen der Identifikation mit der Stadt. Es sind alles Vorschläge, die vom Einzelnen angenommen oder abgelehnt werden können. Mehr noch diese Vorschläge werden in der Öffentlichkeit diskutiert und immer wieder neu verhandelt und umgedeutet.
Bestes Beispiel hierfür ist eine Imagekampagne der Stadtverwaltung, die der Stadt den Slogan „Stadt der Moderne“ verlieh. Auf mehreren Plakaten wurden die Inhalte propagiert, die mit diesem Slogan verbunden werden sollten. Es handelte sich hierbei hauptsächlich um die Identifikation mit Arbeitsplätzen, Wirtschaftskraft und einem Kulturverständis, dass auf hochkulturelle Inhalte abzielt. Die Kampagne wurde sehr bald von unbekannten imitiert und persifliert. Die Plakate wurden abgeändert der Slogan wandelte sich in „statt der Moderne“. Die Gegenkampagne warb vor allem mit dem fehlen einer lebendigen Jugendkultur, Leerstand von Häusern, die für kulturelle Zwecke genutzt werden könnten und Abriss von Gründerzeithäusern.
In diesem Konflikt treten deutlich Identifikationsangebote mit der Stadt Chemnitz auf, die nicht nur positive Assoziationen zulassen. Die Menschen identifizieren sich mit ihrer Stadt auch über Negatives. Viel mehr identifizieren letztlich sich sogar mit dem Konflikt selbst und dem vermeintlichen Fehlen einer Identität.

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